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Übrigens ...
... gibt es ein teuflisch probates Mittel, um zeitlose Wahrheiten ihrer gegenwärtigen Relevanz zu berauben. Man muß ihnen nur das Etikett »historisch« verpassen, und schon entfleuchen sie uns in die sogenannte »vierte Dimension«, von wo aus sie kein Doc Brown und kein Marty McFly wieder werden zurück in die Zukunft holen können.
Glauben Sie nicht? Nun, wie wäre folgendes Zitat aus dem Neuen Testamente, präziser Matthäus 7, 3-5: »Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!« Schöne, ehrwürdige, vielfach gehörte und wiederholte Worte – Volksgut gewissermaßen, und doch anscheinend ohne jeden aktuellen Bezug, obwohl sie doch vorsichtshalber in Lukas 6, 41-42 gleich nochmal geschrieben stehen ...
Ja, eh, nein! da hätte ich wohl was falsch verstanden, kontert man. Das ist erstens damals gewesen („heute haben wir andere Zeiten"), zweitens wissen wir „überhaupt gar nicht", wie authentisch das ist, drittens gibt es die Quellenfrage, viertens die Übersetzungsproblematik, fünftens eine völlig andere Gesellschaftsstruktur ... Das dürfe man eben nur metaphorisch verstehen, nicht wörtlich und schon gar nicht heute!
Stimmt! Heute sehen wir auf allen Fernsehkanälen, wie das genaue Gegenteil seine profitablen Wirkungen tut: wie sich unter gegenseitigst-primitivsten Beschuldigungen Minimalprobleme zu Gebirgen auswachsen, zu lohenden Feuern ausufern, in die der jeweilige Moderator unter völliger Verkennung seiner Berufsbezeichnung zwar mäßige Vorstellungen abliefert, nicht aber eigentlich mäßigt, sondern gekonnt den einen oder andern Brandbeschleuniger hineinträufelt – worauf das Publikum johlt vor Vergnügen, wie sich da Splitter- und Balkenträger verbale Gladiatorenkämpfe liefern, weil die Öffentlichkeit bekanntermaßen ein Recht auf so was hat ...
Eingedenk der vielfach geäußerten Behauptung, daß jede Zeit ihre ganz eigenen, mit andern Worten »noch nie dagewesenen« Probleme hat, greife ich unwillkürlich zu einem kleinen, sehr handlichen Taschenbuch Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? von Rudolf Steiner, aus dem ich übrigens vor kurzem schon einmal zitiert habe – und ich stolpere über einen Satz, der tatsächlich so gar nichts mit Matthäus sieben oder Lukas sechs zu tun hat: »Politische Agitatoren ›wissen‹ in der Regel, was von andern Menschen zu ›fordern‹ ist; von Forderungen an sich selbst ist bei ihnen weniger die Rede.« Gut, auch das ist schon wieder mehr als hundert Jahre alt. Aber ist es deshalb nur »historischer« Ballast? Oder sollte es doch einen innern Zusammenhang geben? So was wie eine zeitlose Wahrheit am Ende? Müßten wir immer erst bei uns anfangen, bevor wir von andern etwas fordern? Wären die ermüdenden Schlagzeilen mit ihren täglich aktualisierten Forderungen (von andern natürlich) und Kritiken (an andern natürlich) am Ende nur Makulatur, während das, was uns als »historisch« hingehängt wird, den Wahrheitskern der Ewigkeit enthielt? Das wäre ja entsetzlich ... !
(24.9.09)
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Rudolf Steiner
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