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Übrigens ...

... sprach ich vor kurzem im Stadtwald wieder einmal mit einer meiner Lieblingskastanien – so der Typ Baumbart, der die Welt seit langem beobachtet und weiß, was er davon zu halten hat. „Ihr Menschen," brummte er, „seid schon ein komisches Völkchen. Einmal haben sie euch erzählt, es ginge immer nur ums Wachsen, Wachsen, Wachsen!" (er wiederholt gern, was ihm wichtig ist, ein paarmal, weil er so viel Zeit hat) „Alles müsse täglich wachsen, wachsen, wachsen! Wo bleibt noch mal einer stehen und redet mit mir oder hört mir zu? Muß weiter, muß weiter, schnell, schnell, mehr, mehr ..." Er wehte und rauschte leise über mich in: „Das ist krank, so krank! Ihr schießt ins Kraut wie ein kranker Salat, und den habt ihr dann auch!" Leise pfiff's um ihn her wie verschmitztes Lachen über den gelungenen Wortwitz. „Pausen machen, Stehenbleiben, mal durchatmen, ein und aus und ein und aus – das tun sogar die Götter. Aber ihr? Es wird kalt, und es wäre die rechte Zeit – aber dann geht's ab in den Süden mit euren blechernen Zugvögeln ..." – „Ich nicht," begehre ich auf: „Du kennst mich doch! Ich nicht!" – „Jaja, einer, einer. Ist keiner. Pah! Absturz, Abschwung, Krise, Ende, nur weil man ja auch mal ausatmen und ruhen muß. Glaubst du, ich wäre so, wie ich bin, wenn ich nur immer Triebe triebe?" Wieder das kichernde Pfeifen, und er schüttelte langsam seine entblätterten Ausleger: „Was geh'n mich jetzt meine kahlen Stellen an? – Bald ist es wieder soweit. Dann kümmer' ich mich drum. Grün werd ich und stecke mir meine Kerzen auf und bewerfe ich, wie jedes Jahr, mit stachligen Bällen ... Aber ihr?"

Für seine Verhältnisse hatte er heute viel gesagt, der Kastanienbaum im Stadtwald. So eindringlich kannte ich ihn bisher nicht. Auch wenn er mir wohlwollend verrät, wo unter seinen dicken Herbstlaubschichten ich noch was von seinen Früchten finde und ich mich jedesmal für den Hinweis bedanke, spricht er immer mit vielem Bedacht. Es mußte ihn schon fürchterlich aufgeregt haben, was man so hört von der Welt. Von der Rezession, von den Kommissaren, von den Prognostikern, die geschickt sind, uns nur noch weiter auszuquetschen, anzutreiben, aufzuputschen – noch rücksichtloser gegeneinander, noch radikaler, noch gieriger nur aufs Eigene schielend: Ratten in einer Versuchsanordnung, von höchstem Unterhaltungswert für eine sadistische Zuschauerschar, die ich über die Beißereien ... Oha, war's etwa das, was er mir hatte sagen wollen? Daß wir, ohne es zu wissen, die Figuren in einem kolossalen Schauspiel ... Das wäre! Ein Kolosseum, in dem eine Clique für die besten Plätze höchste Preise zahlt? – Nein, ausgeschlossen! Das würden wir ja merken, nicht wahr? Wenn wir uns die Zeit zum Hinschauen nähmen, würden wir's merken, nicht wahr? Ich denke, es muß was in dem Regenwasser gewesen sein, das er zuletzt aufgenommen hatte. Das hat er bestimmt nicht vertragen. So'n Unsinn! – Der Wecker reißt mich aus dem Traum. Da bin ich aber froh! Nachher hätte ich noch geglaubt, daß Bäume sprechen können und vielleicht sogar die Wahrheit sagen. Schauderhaft!

(24.2.09)

 







Baumbart Kastanie 






 
         
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