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Übrigens ...

... ist es jetzt neunzig Jahren her, seit der Schweizer Schriftsteller und Poet Carl Spitteler (1845-1924) für sein Werk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Nicht sonderlich aufregend, dieses Datum, nicht wahr? Sicher nicht, zumal der Mann einst in einem Artikel Datumsjubiläen selbst launig fragte, warum man denn nicht lieber den achtundneunzigsten oder neunundvierzigsten Geburts-, Todes- oder Jahrestag begehen wollte – und als Antwort nichts anders fand als den Hang zum Dezimalsystem.

Der gewählte Anknüpfungspunkt ist auch tatsächlich ein willkürlicher. Eigentlich sollte man das eine oder andere Stück von Spitteler auch heute noch – fünfundachtzig Jahre nach seinem Tode (!) – unterm Kopfkissen haben. Besonders, wenn's mal wieder nötig sein sollte, sich für die blanke Andacht oder Begeisterung zu entschuldigen, die uns beim Umgang mit der Kunst befallen könnte.

»Kein empörenderes Schauspiel,« so Spitteler in seinem Text Kunstfron und Kunstgenuß aus der Sammlung Lachende Wahrheiten, »als sehen zu müssen, wie unsere leidige Allerweltsschulmeisterei es fertig gebracht hat, die süßesten Früchte mittels pädagogischer Bakterien ungenießbar zu machen und Geschenke, die dazu ersehen waren, uns zu beglücken, in Buß und Strafe umzusetzen. Die Kunst ist großherzig und menschenfreundlich wie die Schönheit, welcher sie entspringt. Sie ist ein Trost der Menschen auf Erden und erhebt keinen andern Anspruch, als innig zu erfreuen und zu beseligen. Sie verlangt weder Studien noch Vorbildung, da sie sich unmittelbar durch die Sinne an das Gemüt und die Phantasie wendet, so daß zu allen Zeiten die einfache jugendliche Empfänglichkeit sich im Gebiete der Kunst urteilsfähiger erwiesen hat, als die eingehendste Gelehrsamkeit.«

Oder: »Wer sich aufrichtig und bescheiden an einem Kunstwerke erfreut, der versteht es ebensowohl und wahrscheinlich noch besser, als wer gelehrte Vorträge darüber hält.«

Oder: »Eine Kunstfron entsteht, sobald der Kunstgenuß als eine Pflicht aufgefaßt wird. Es ist so wenig die Pflicht des Menschen, Schönheit und Kunst zu lieben, als es eine Pflicht ist, den Zucker süß zu finden. Die Kunst ist eine gütige Erlaubnis und eine menschenfreundliche Einladung, mehr nicht; man kann es nehmen oder lassen. Glücklich, wer ihr zu folgen und sie zu schätzen weiß; wer das nicht vermag, den mögen wir bedauern, aber wir haben kein Recht, ihn deshalb zu schelten.«

Wer so treffsicher die Mauern unter Beschuß nimmt, die uns von den potentiell ja durchaus interessierten Hörern, Lesern, Sehern trennen – der verdient es auch, gelesen und wiedergelesen zu werden. Ob er nun auch seinen 164. Geburtstag hat oder seit seinen Lachenden Wahrheiten hundertacht Jahre vergangen sind ...

(8.2.09)

 



Carl Spitteler 
Carl Spitteler, 1905
Lachende Wahrheiten





 
         
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